Wie Ehrlichkeit, Klarheit und Empathie Kommunikation wirksam machen
Interview mit Sandrina Rempfler Yu / www.joy2lead.com
Themenübersicht
- Der Anstoss zum Buch
- Ein wirklich gutes Gespräch
- Mut zu ehrlichen Gesprächen
- Die Frage für tiefere Gespräche
- Häufige Muster und Missverständnisse
- Ehrlichkeit oder Überforderung
- Empathisch und klar zugleich
- Soziale Medien und echte Begegnung
- Die eine Veränderung
- Unterricht im Lehrgang psychosoziale Beratung
- Der grösste Irrtum beim Grenzen setzen
- Gewaltfreie Kommunikation und Grenzen
- Kommunikation über Kulturen hinweg
- Was KI mit unserer Kommunikation macht
- Was bleiben soll
Was hat dich dazu bewegt, MUT STATT SMALLTALK zu schreiben? Gab es ein bestimmtes Erlebnis oder einen Schlüsselmoment, der den Anstoss gegeben hat?
Kein Schlüsselmoment, sondern eher viele kleine. In unserer Arbeit mit Unternehmen und Teams werden wir oft gerufen, wenn es schon fast zu spät ist. Und immer wieder zeigt sich: Ungeschickte Kommunikation ist ein zentraler Faktor. Team- und Führungskulturen fördern häufig ein Gegeneinander statt eines Miteinander. Nicht aus böser Absicht, sondern viel mehr, weil die Fachkompetenz hoch ist, aber die Kommunikation an sich nie gelernt wurde.
Genau dafür haben wir ein Buch geschrieben. Für Menschen, die ihre Sozialkompetenz erweitern möchten und ihre Kommunikation vielseitiger und hilfreich gestalten wollen. Ob im Geschäft oder im Privaten. Ein guter Teamspirit ist kein Zufall, sondern ein Prozess, der mit sich selbst beginnt und besonders in der Entwicklung von gegenseitiger Achtsamkeit, Vertrauen und konstruktivem Austausch besteht.
Die Herausforderung war dabei einfach und verständlich zu bleiben. Daraus wurde der Papagei Pablo und die Eule Elvira geboren. Sie wohnen im „Dschungel der Kommunikation“ und beleuchten mit einem Augenzwinkern unser facettenreiches Menschsein. Jedes Kapitel endet mit Reflexionsfragen, die im Team, in der Familie oder auch für sich selbst genutzt werden können.
Was bedeutet für dich ein wirklich gutes Gespräch – und woran merkst du, dass es über Smalltalk hinausgeht?
Ein gutes Gespräch für mich ist geprägt von echtem Interesse und grundsätzlichem Wohlwollen. Jede*r übernimmt die Verantwortung über die eigene Gefühlswelt und Handlungen. So kennen wir es idealerweise mit Freunden, doch es gilt auch bei problematischen und konfliktgeladenen Gesprächen. Es ist eine erlernbare Fähigkeit, Gespräche verantwortungsvoll zu gestalten. Dafür gibt es Methoden und es ist auch eine Frage der Haltung. Kurz gesagt ein hin und her auf Augenhöhe.
Viele Menschen scheuen sich vor ehrlichen Gesprächen aus Angst vor Konflikten. Wie kann man den Mut entwickeln, diese trotzdem zu führen?
Ja, es braucht wirklich Mut und auch Können, um heikle Gespräche ehrlich und konstruktiv führen zu können. Meistens ist es ja wirklich auch ungewiss, wie der andere reagiert und wie danach die Stimmung / Beziehung aussieht. Deshalb ist es immer hilfreich, das Gespräch für sich vorzubereiten. Damit meine ich, dass mir bewusst wird, was genau mich getriggert hat, was die darunterliegenden Bedürfnisse wohl sind und was ich gerne anders hätte. Diese Klarheit hilft, aber nur, wenn auch mit Empathie und einer gewissen Grosszügigkeit dem Anderen gegenüber gesprochen wird.
Ehrlich und konstruktiv heisst nicht, dass es plötzlich angenehm wird. Es heisst, dass ich möglichst ohne Vorwürfe und Abwertung, die Situation klar und wertschätzend ansprechen kann und dem anderen eine echte Chance gebe, sich auch zu erklären. In meiner Erfahrung werden Kooperation und gute nächste Schritte dann möglich, wenn man sich wirklich gehört fühlt.
Je mehr Angst ich habe vor einem Konflikt, desto mehr innere Vorbereitung auf mögliche Szenarien braucht es wohl. Und dann aber los – es könnte auch richtig gut werden!
Gibt es eine Frage, die deiner Erfahrung nach besonders oft zu tieferen und authentischeren Gesprächen führt?
Nur eine? 🙂 „Was ist Dir jetzt wirklich wichtig?“ oder auch „Wie sieht Unterstützung konkret aus für Dich?“
Welche Kommunikationsmuster oder Missverständnisse begegnen dir im Alltag am häufigsten?
Wir haben die Unart, von uns auf andere zu schliessen und dabei wollen wir oft auch noch Recht haben! Wir interpretieren wahnsinnig schnell und nehmen vieles sofort persönlich, und sind dann gekränkt, obwohl das Allermeiste viel mehr mit dem anderen zu tun hat, als direkt mit einem selbst. In der Folge schmollen wir vor uns hin, sind nur noch „nett“ oder kündigen innerlich. Anstelle würde es sich lohnen, die eigene Sozialkompetenz zu entwickeln, lernen zu reflektieren, einmal mehr nachzufragen. Die allermeisten Missverständnisse würden mit mutigem Ansprechen, etwas Herzlichkeit und kreativem Miteinander sogar zu guten Ideen!
Wo siehst du die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Überforderung? Muss immer alles ausgesprochen werden?
Gute und komplexe Frage. Nein, ich finde nicht, dass „immer alles aussprechen“ das gleiche meint wie ehrlich. Oft verwechseln wir die eigene Meinung über den Anderen mit der sogenannten „Wahrheit“ und sind schnell am Verurteilen und Beschämen, übrigens auch uns selbst. Wir könnten meinen es wäre „ehrlich“, wenn wir die eigene Meinung absolut und schonungslos hinknallen. Ich verstehe unter Ehrlichkeit etwas anderes.
Hier zitiere ich aus unserem Buch. Ehrlichkeit bedeutet: Radikale Selbstverantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen – für das was ich denke, fühle und wie ich handle. Wenn ich wütend, verletzt oder enttäuscht bin, zeigt es mir mein unerfülltes Bedürfnis und genau darin liegt meine Handlungsfreiheit. Der Grund, warum das so zentral ist: solange ich dem anderen die Schuld gebe, gebe ich ihm auch die Macht über mein inneres Erleben. Ich bleibe abhängig, reaktiv, gefangen im ‚wenn der andere nur anders wäre‘. Radikale Selbstverantwortung dreht dieses Muster um. Sie führt vom Ohnmachtsgefühl zurück in die Selbstwirksamkeit. Ich kann zwar nicht kontrollieren, was der andere tut, aber ich kann wählen, wie ich damit umgehe – und das verändert alles.
Wie gelingt es, gleichzeitig empathisch und klar zu sein – besonders dann, wenn man Kritik äussern oder Grenzen setzen muss?
Damit ein Kritikgespräch gute Früchte tragen kann, braucht es ein gutes Vertrauensverhältnis. Es braucht eine gewisse Neugier, weshalb etwas so passieren konnte und es braucht konkrete Beispiele. Wenn es um Grenzen geht, braucht es klare Information, was okay ist und was nicht okay ist und weshalb. Dafür braucht es eben beides, Empathie und Klarheit. Oder wie ich es oft sage: „Empathie ohne Klarheit ist Wischi-Waschi. Klarheit ohne Empathie ist gemein und verletzend.“
Welchen Einfluss haben soziale Medien und digitale Kommunikation auf unsere Fähigkeit, echte Begegnungen zu führen?
Augenhöhe geht dabei oft verloren, das ist für mich das Kernproblem. In digitalen Kanälen fehlen Tonfall, Mimik und Pausen – genau die Signale, die ein Gespräch zu einem echten Miteinander machen. Das verleitet zu schnellen, unreflektierten Reaktionen, feigen Vorwürfen statt zu echtem Zuhören, und Missverständnisse eskalieren leichter, weil der Mensch dahinter aus dem Blick gerät. Echte Begegnung braucht Präsenz – die kann kein Chat und kein Emoji ersetzen.
Wenn die Leserinnen und Leser nach dem Buch nur eine Sache in ihrem Kommunikationsverhalten verändern würden – welche wäre das für dich?
Echte, relevante und konkrete Wertschätzung ausgesprochen kann Wunder wirken und ist höchst wirksam und ansteckend! Wenn wir genau wissen, was der andere schätzt, freut und auch braucht, dann bin ich eher bereit, dies freiwillig und gerne beizutragen. Die oft negative Stimmung kippt in eine gegenseitige Wertschätzung, und irgendwie kommen Motivation und gute Ideen für Zusammenarbeit und Erfolg viel leichter … probier es aus 🙂
Du bist auch Dozentin an der Fachschule APAmed im Lehrgang für psychosoziale Berater:innen und gibst dort auch öffentliche Workshops zum Thema Grenzen setzen – was nimmst du aus dieser Arbeit für deine Kommunikationsthemen mit?
In beiden Rollen erlebe ich täglich, wie eng Kommunikation und Selbstfürsorge zusammenhängen. Im Lehrgang für psychosoziale Berater:innen an der APAmed geht es viel um Nähe und Distanz und um eine stimmige Verbindung: Wie bleibe ich empathisch präsent, ohne mich in den Themen der anderen zu verlieren? Das bedeutet unter anderem, wahrzunehmen und zu sagen, was okay ist und was nicht, ohne den anderen dabei abzuwerten. Es geht dabei auch darum, hilfreiche kleine Schritte zu entwickeln, die zu konkreten Handlungen führen.
In deinen Workshops geht es oft um „Grenzen setzen“ – was ist der grösste Irrtum, den Menschen dabei haben?
Oft fallen Grenzen setzen schwer, weil wir gemocht werden wollen und wir Angst haben, den anderen zu verletzen … oder das schlechte Gewissen schleicht sich nachher ein. Dabei vergessen wir, dass schwammige Grenzen ein Minenfeld von Konflikten sind. Zum Beispiel: wenn ich zu viel verspreche (weil ich nicht nein sagen kann) und das Versprochene nicht einhalten kann, verliere ich an Glaubwürdigkeit. Meine Verlässlichkeit wird in Frage gestellt, eine Abwärts-Spirale beginnt. Vertrauen geht stückchenweise verloren und irgendwann kommt der letzte Tropfen, der mein Fass zum Überlaufen bringt. Ich flippe aus, sage Dinge, die ich später bereue und das Gegenüber ist vor den Kopf gestossen und jetzt definitiv verletzt. Hätte es sich nicht gelohnt, früher den Mut zusammen zu nehmen und mitzuteilen, was man brauchen würde? Die gute Nachricht ist: das alles ist tief menschlich – erlernbar und weiter entwickelbar.
Wo überschneiden sich für dich Gewaltfreie Kommunikation und das Thema Grenzen setzen?
Für mich ist die Gewaltfreie Kommunikation mit Lösungsfokus schon lange keine Methode mehr, sondern viel mehr eine Haltung, die ich auch lebe. Die Gewaltfreie Kommunikation unterstützt jeden dabei herauszufinden, wofür ich JA sagen möchte, und dann fällt einem ein NEIN viel leichter. Auch den Umgang mit Grenzen von aussen gilt es zu lernen. In meinen Workshops reflektieren wir solche Alltagsbeispiele und erfahren, was es für einen Unterschied macht, wie ich etwas sagen kann und auch akzeptieren lerne.
Du hast elf Jahre in Myanmar gelebt und dort Unternehmen aufgebaut – wie unterscheidet sich Kommunikation über Kulturen hinweg, und was hast du daraus mitgenommen?
Jede Kultur hat ihre Prägungen und ist für mich total spannend, dies tiefer zu verstehen. Myanmar ist in Süd-Ostasien und ein mehrheitlich buddhistisches Land. Das Gemeinwohl wird höher eingestuft als das individuelle Wohl. Ein weiterer zentraler Unterschied zu uns in Europa ist, dass es für die Menschen in Myanmar weniger wichtig ist, „wer hat Recht und wer ist schuld“ (wie wohltuend!) … dafür fällt es ihnen schwer, Konflikte auf Augenhöhe zu lösen, ohne in eine Unterwerfung oder Unterdrückung zu geraten.
Das zeigt so bildlich auf, dass jede Kultur Stärken und Schwächen hat und ein guter Mix bringt das Ganze immer weiter – wenn man dafür offen und g’wunderig bleibt.
Euer letztes Kapitel widmet sich der Frage, was KI mit unserer Kommunikation macht. Was steht für dich dabei auf dem Spiel?
Keine Frage, dass KI unser Leben verändert. In vielen Bereichen unterstützt uns die KI sehr und ist nicht mehr wegzudenken. Und es gibt auch ernsthafte Risiken. Ich glaube, dass eine unserer tiefsten Sehnsüchte echte Begegnung und Verbindung ist. Wir sehnen uns nach menschlicher Wärme und Präsenz.
KI kann uns helfen, bestehende Daten zu recherchieren, zu analysieren und zu formulieren … ja. Doch welche Schlüsse wir daraus ziehen, wie wir miteinander kommunizieren und uns begegnen, bleibt unsere Entscheidung. Ich wünsche uns, dass es uns gelingt, Herz und Haltung zu behalten, und die Technologie als Werkzeug lebensbejahend zu nutzen. Wenn wir uns durch sie ersetzen lassen, verlieren wir nicht nur unsere Stimme, sondern auch das, was uns tief menschlich macht.
Was wünschst du dir für Leserinnen und Leser, wenn sie das Buch zuschlagen – was soll bleiben?
Kommunikation ist das mächtigste Werkzeug, das uns Menschen zur Verfügung steht und Kommunikation ist auch ein Prozess, den wir gemeinsam mit dem Gegenüber gestalten. Wenn unser Buch zu diesem Bewusstsein etwas hinzugefügt hat und auch eine Lust ausgelöst hat, mal etwas am eigenen Denken und Kommunizieren zu ändern und zu experimentieren, dann freue ich mich. Und ganz klar, wenn es konkrete Rückmeldungen oder Anfragen zu uns Autorinnen gibt, dann freue ich mich auch.
Wir haben viel mehr Handlungsspielraum in unserem „Dschungel des Lebens“ als wir oft meinen. Lasst uns mutig eine bevorzugte Version davon gestalten und alles bereits Schöne auch dankbar geniessen. Es ist eine Kunst …
Wer tiefer einsteigen möchte: «Mut statt Smalltalk» gibt es als Buch und E-Book bei joy2lead.com.
