Neuromuskuläre Integration bei Höhenangst
Angststörungen sind eine häufige Indikation in der kinesiologischen oder naturheilkundlichen Praxis. Solche Ängste oder Panikattacken blockieren den Fortschritt von Patientinnen und Patienten, weil sie nicht nur neurologisch ein „Feststecken» provozieren, sondern so auch alte, ungute oder nachteilige Muster langfristig festgeschrieben werden; eine ganzheitliche Weiterentwicklung wird dadurch nachhaltig verhindert. Deswegen stellt sich die Frage, wie solche Angststörungen – in diesem Artikel am Beispiel der Höhenangst – dauerhaft behoben werden können.
Grundlegend involviert ist im neurologischen Sinne zunächst das „Überlebenssystem», das in erster Linie eine Funktion des limbischen Systems im Gehirn ist, das bei einer Herausforderung („Trigger») – durch den das eigene Überleben bedroht sein könnte – eine Art „Erstarrung» oder „Furcht» im Sinne einer automatisierten Antwort hervorruft. Diese Reaktion wird auch als „Kampf- und Fluchtinstinkt» (engl. „flight or fight syndrome») bezeichnet.
Diese Reaktion geht neurologisch zunächst von der Amygdala aus und produziert im Zusammenhang mit dem Hypothalamus und der Hypophyse ein „Fliehen» oder „Verteidigen», wenn sich ein bestimmter Trigger wirklich als (vermeintliche) Bedrohung herausstellt: die Herzrate steigt, die Sauerstoffversorgung geht in Richtung Muskeln; im Ergebnis wird das sympathische Nervensystem gegenüber dem parasympathischen bevorzugt und sichert so die Flucht- oder gar Kampfbereitschaft ab. Sehen wir bspw. beim Wandern plötzlich eine Schlange vor uns auf dem Weg, tritt i. d. R. solch eine schnelle Reaktion getriggert durch die Amygdala ein, die uns zunächst „erstarren» lässt und in Folge unsere Flucht- oder Kampfbereitschaft innervieren kann.
Diese „Erfindung» des limbischen Systems ist sinnvoll und hat in vielen Jahrmillionen das Überleben der Menschen in der rauen Natur gesichert – überhaupt unsere Weiterentwicklung oder die der anderen höheren Lebewesen ermöglicht. In der heutigen Zeit wird diese automatisierte Reaktion jedoch oft zum Problem.
Bekomme ich bspw. eine solche Angstreaktion im Klassenzimmer in Bezug auf die Lehrerin, weil ich gerade gefordert wurde, könnten sich Trigger wie „Klassenzimmer», „Lehrer» oder „Eltern» einprägen und auf diese Weise immer wieder eine energiezehrende Abwehrreaktion hervorrufen. Da so die ganze Aufmerksamkeit in Richtung „Kampf- & Flucht-Instinkt» gleitet wird, fehlt für die Denkprozesse der Hirnrinde schlichtweg der Fokus und gestellte Aufgaben können nicht befriedigend beantwortet werden. Aufgrund der so produzierten Misserfolge schreibt sich die negative Stimmung fort und es kann unter dem Strich ein Stress- oder Vermeidungsverhalten entstehen. Zum kortikalen Denken aber braucht es Energie, Entspannung, Freude und eine Konzentration auf das Wesentliche!
Kinesiologisch können solche Hirnkerne wie die Amygdala angesteuert und z. B. mit bestimmten Akupressurtechniken entspannt werden. Das kann für die Betreffenden eine große Erleichterung und Hilfe sein.
Themenübersicht
Der Zusammenhang von Gleichgewicht und Angst
Bei Menschen mit einer schlechten Integration des Gleichgewichts (rechts/links, vorne/hinten oder oben/unten) können zudem weitere Probleme hinzutreten. Bei Höhenangst liegt in der Anamnese hinsichtlich des Gleichgewichtorgans immer eine mangelhafte Integration der Oben-Unten-Dimension vor. Hintergründe können sein: nicht abgelöste und weiter persistierende frühkindliche Reflexe, eine unvollständige Ausbildung lebenslang erforderlicher neurologischer Muster ausgelöst durch mangelnde körperliche Bewegung oder Integration, eine schlechte Ernährung, toxikologische Belastungen oder traumatische Hintergründe, physisch oder emotional bedingt.
In der Konsequenz zeigt sich eine mangelnde Zusammenarbeit der Nacken-Kopf-Schulter-Integration mit der des Beckens, der kraniosakrale Fluss in der Wirbelsäule ist nicht regelrecht oder die Betroffenen wissen im wahrsten Sinne nicht, wo oben und wo unten ist. Durch Herausforderungen, wie z. B. eine steile und ungesicherte Treppe herauf- oder herunterzugehen, weiß der Patient in diesem Moment nicht mehr, wie oben und unten zusammen koordiniert werden kann. Das erzeugt Stress im Sinne von Angst bis Panik.
Neuromuskuläre Anamnese
Da Angststörungen wie Höhenangst faszinierenderweise immer mit einer mangelnden Integration der Oben-Unten-Dimension des Gleichgewichts einhergehen, kann das praktisch überprüft werden, in dem in Rückenlage der Kopf und beide Knie selbstständig angehoben werden und in Folge kinesiologisch auf Stress getestet wird – die „vordere Pitch» nach W. K. Fischer (vgl. Abb. 1) – oder quer auf der Liege in Rückenlage liegend Kopf und Beine nach hinten geklappt werden und auf Stress getestet wird – die „hintere Pitch» nach W. K. Fischer. Bei Höhenangst liegt immer die „hintere Pitch» vor, meist kombiniert mit der „vorderen Pitch».

Kinesiologische und neuromuskuläre Therapie der Höhenangst
Zur nachhaltigen Behandlung einer Höhenangst ist es wichtig, den Stress, der in Akutsituationen entsteht, wie z. B. im Flugzeug oder beim Steigen auf eine Leiter, in der Praxis unter Aufsicht zu aktivieren. Das geschieht z. B. durch gesichertes Stehen und Bewegen am geöffneten Fenster sowie dem folgenden Monitoring der „vorderen und hinteren Pitch».
Tritt Stress auf, folgt man einer Prozedur, die neben der Aktivierung des betreffenden Gleichgewichtorgans (hier Canalis semicircularis anterior, Macula sacculi) auch „Oben-Unten-Switching» miteinbezieht, ferner „reaktive Muskeln» sowie die grundlegende Entspannung des limbischen Systems (s. o.). Die neuromuskuläre Technik, die die Kopf-Nacken-Schulter-Stellung mit der des Beckens wieder koordiniert, stammt ursprünglich vom amerikanischen Chiropraktiker und Kinesiologen George Goodheart und wurde vom Autor optimiert.
Während die Patienten per Flexion und Extension eine Pendelbewegung des Kopfes anstreben mit dem Ziel, das Kinn auf die Brust zu bringen bzw. den Kopf in den Nacken zu legen, versucht der Therapeut mit leichter Gegenbewegung genau diesen Versuch zu unterbinden. Das führt am Ende zu einer langsamen, minimalen und leicht tänzelnden Pendelbewegung des Kopfes vom Klienten, die in idealer Weise im craniosacralen Rhythmus von 12 bis 15 Pulsen pro Minute ausgeführt wird; je Aktion nicht länger als eine Minute.
Nach 2 bis 3 Einheiten wird diese Bewegung für den Betroffenen immer leichter durchführbar, die Wirbelsäule und der Beckenbereich entspannen sich und die Pitch-Vortests lösen schließlich keinen Stress mehr aus. Wichtig ist hierbei, auf eine entspannte, langsame und tiefe Atmung zu achten.

Fazit
Mit dieser verblüffenden kleinen Technik (vgl. Abb. 2) kann eine Integration des Oben-Unten-Gleichgewichts vorgenommen werden, sodass Symptome wie Höhenangst der Erfahrung nach schnell obsolet werden; eine korrekt ausgeführte Technik mit begleitender Integration hilft nachhaltig.
In der Praxis ist es also sehr wichtig, eine Integration auf der körperlichen Ebene nicht zu vernachlässigen, um langfristig anhaltende Therapieerfolge bei Angststörungen zu erreichen und im Ergebnis einen positiven und freudvollen Umgang mit Höhe manifestieren zu können.